Der arme Peter (Lutz Moik) ist Köhler und bettelarm. Der Gute Geist des Waldes vehilft ihm zu großem Reichtum, doch damit kann Peter nicht umgehen. Er verbringt die meiste Zeit im Wirtshaus und wird wieder ein armer Mann. Der böse Geist "Michel" verspricht ihn wieder reich zu machen. Doch er verlangt etwas Grausames: Peter muß sein Herz gegen ein Herz aus Stein tauschen...
Der arme Peter, der sein Herz verliert: Im DEFA-Klassiker gespielt von Lutz Moik Bildrechte: MDR/PROGRESS Film-Verleih/Erich Kilian

Opulentes Fantasy-Spektakel Mehr als ein Märchen: Wie die DEFA "Das kalte Herz" zum Schlagen brachte

21. Dezember 2020, 08:44 Uhr

Vom armen Köhler, der sein Herz verliert, erzählt das finstere Märchen von Wilhelm Hauff. "Das kalte Herz" gilt als eines der populärsten Kunstmärchen der Romantik. Daraus wollte die DEFA ihren ersten Farbfilm machen. Verpflichtet wurde Regisseur Paul Verhoeven. Statt sowieso schon üppiger drei Millionen brauchte er dann ganze vier. Doch der Aufwand sollte sich lohnen. Zehn Millionen Menschen sahen den Film, der 1950 auf die Leinwand kam und nicht nur Märchen, sondern auch opulentes Fantasy-Spektakel und eine Parabel auf Schuld und Sühne war. Zum Jubiläum hat der MDR eine Fassung in Deutscher Gebärdensprache erstellt.

Der erste Farbfilm der DDR sollte es werden: In den Babelsberger Ateliers entstand eine ganze Schwarzwald-Landschaft, um das finstere Märchen des schwäbischen Dichters Wilhelm Hauff zu inszenieren.

Der arme Peter (Lutz Moik) ist Köhler und bettelarm. Der Gute Geist des Waldes vehilft ihm zu großem Reichtum, doch damit kann Peter nicht umgehen. Er verbringt die meiste Zeit im Wirtshaus und wird wieder ein armer Mann. Der böse Geist "Michel" verspricht ihn wieder reich zu machen. Doch er verlangt etwas Grausames: Peter muß sein Herz gegen ein Herz aus Stein tauschen...
Im Babelsberger Studio und in Thüringen wurde gedreht. Bildrechte: MDR/PROGRESS Film-Verleih/Erich Kilian

Im "Kalten Herz" erzählt er die Geschichte vom Kohlenmunk-Peter, der ein armer, aber liebenswerter und fescher Bursche ist, bis er aus Liebe tatsächlich sein warmes pulsierendes Herz verliert. Um die schöne Lisbeth heiraten zu können, müsste er reich sein, glaubt er.

So gelangt er ins finstere Reich des Holländer-Michels.

Was Hauffs Märchen erzählen sollte

Wilhelm Hauff, 1802 in Stuttgart geboren, wuchs auf in armen Verhältnissen, sollte Pfarrer werden, verdingte sich aber dann als Hauslehrer bei einer vermögenden Familie und begann nebenbei zu schreiben. 1825 verfasste er sein erstes Märchenbuch, das u.a. "Die Geschichte vom kleinen Muck" enthielt. In der Folge wurde er ein bekannter Autor. Um neue Ideen für seine Bücher zu sammeln, begab er sich auf Reisen nach Frankreich, Flandern und durch Deutschland. Nur wenige Tage vor seinem 25. Geburtstag starb er an Typhus. In seinen wenigen Lebensjahren veröffentlichte Wilhelm Hauff Romane, viele Erzählungen und Lieder sowie drei Märchen-Sammlungen mit bis heute bekannten Märchen wie "Kalif Storch" oder eben "Das kalte Herz". Es gilt als eins der bekanntesten Kunstmärchen der Romantik und Ausdruck einer Zeit, in der sich die industrielle Revolution Bahn brach, worauf Schriftsteller wie Hauff mit einer Besinnung auf die wahren Werte, das Seelenleben und mit Magie reagierten: "Es ist doch besser zufrieden zu sein mit Wenigem, als Gold und Güter zu haben und ein kaltes Herz."

Opulentes Fantasy-Spektakel mit viel Grusel

Aus einem der populärsten Kunstmärchen der Romantik wurde in Regie von Paul Verhoeven ein opulentes Fantasy-Spektakel. Und das noch ganz ohne digitale Tricks, sondern in analoger Handarbeit, wie Filmhistoriker Ralf Schenk betont:

Von den etwa 400 Einstellungen, die es im 'Kalten Herzen' gibt, sind etwa 80 mit Trick verbunden. So viele wie vorher noch nie in einem DEFA-Film.

Ralf Schenk Filmhistoriker
Der gute Geist des Waldes verhilft ihm zu großem Reichtum, doch damit kann Peter nicht umgehen. Er verbringt die meiste Zeit im Wirtshaus und wird wieder ein armer Mann.
Der gute Geist des Waldes verhilft ihm zu großem Reichtum, doch damit kann Peter nicht umgehen. Bildrechte: MDR/PROGRESS Film-Verleih/Erich Kilian

Da gebe es z.B. die Szene, in der Kohlenmunk-Peter dem Riesen begegnet, den Erwin Geschonneck spielte: "Und dieser Riese wird dann immer kleiner, bis er gleichauf mit Peter ist. Das haben sie einfach gemacht mit einem Schienenwagen. Also Geschonneck wurde sehr nah, sehr groß an der Kamera platziert und wurde dann immer näher an den Kohlenmunk-Peter herangefahren. Das war ein ganz einfacher, analoger Trick."

Erwin Geschonneck (rechts) als böser Geist "Michel", der Peter verspricht, ihn wieder reich zu machen: Wenn er sein Herz gegen eins aus Stein tauscht. Bildrechte: MDR/DEFA

Die Tricks waren einfach, die Effekte enorm. Vor allem der Holländer-Michel, gespielt von Erwin Geschonneck, sorgt bis heute für Grusel und Grauen. Damals gab es selbst innerhalb der DEFA-Belegschaft heftigen Unmut über den teuren Horrorfilm, der am Ende nicht nur die schon üppigen drei Millionen kostete, sondern fast vier. Regisseur Verhoeven sollte deswegen nie wieder für eine DEFA-Produktion engagiert werden. Geschonneck verteidigte das Werk und die handwerkliche Leistung, die dahinter steckt, etwa die von Kamermann Bruno Mondi:

Das Grausige gehört nun mal zu den Märchen, wie das Gute auch dazu gehört. Der Mondi, einer der besten Operateure damals, der machte so eine Palette mit vielen zuckenden Herzen. Die waren gefüllt mit einer roten Flüssigkeit. Hinter der Wand stand ein Mensch mit einer Luftpumpe und pumpte jetzt immer auf und nieder, damit diese Flüssigkeit sich in den Herzen bewegte. Das sah sehr dramatisch aus. Da haben sich Kinder davor gefürchtet.

Erwin Geschonneck Schauspieler

Zehn Millionen Zuschauer

Peter tauscht sein Herz gegen eins aus Stein. Am 8. Dezember 1950 feierte "Das kalte Herz" dann Uraufführung – und wird trotz oder wegen seiner Horror-Szenen ein Erfolg. Mit fast zehn Millionen Zuschauern in ganz Deutschland.

"Das kalte Herz": Finanzielles Desaster und Kassenschlager

Statt der ohnehin schon üppig bereitgestellten drei Millionen Mark, verschlang der Film am Ende fast eine Million Mark mehr. Für die DEFA ein finanzielles Desaster. Regisseur Paul Verhoeven sollte nie wieder für die DEFA arbeiten dürfen. Aber der Aufwand lohnte auch. Zehn Millionen Zuschauer hatte der Film in ganz Deutschland. Schließlich wurde "Das kalte Herz" sogar ausgezeichnet als "Bester Farbfilm" bei den Internationalen Filmfestspielen in Karlovy Vary 1951. Für das noch junge DEFA-Studio ein internationaler Ritterschlag. "Das kalte Herz" war der erste DDR-Farbfilm, gedreht auf Agfacolor sowie der erste mit Schauspielern inszenierte DEFA-Märchenfilm. Gedreht wurde in Babelsberg, die Außenaufnahmen entstanden in Thüringen. Bis heute hat "Das kalte Herz" Generationen von Zuschauern begeistert und erschauern lassen.

Premiere nach 70 Jahren: Märchen in Gebärdensprache

70 Jahre später – beginnt mit dem Märchenfilmklassiker eine neue Ära. Und zwar im ARD-Angebot für gehörlose Menschen. Beschränkten sich gebärdensprachliche Sendungen bisher nur auf Informationsformate, hat der MDR nun gleich 50 Märchenfilme übersetzt. Für den Gebärdensprachdolmetscher Peter Eichler eine neue berufliche Herausforderung, auf die er aber schon sehr gut eingestellt war:

"Ich habe mir den Film mehrmals angeschaut, dann habe ich angefangen zu dolmetschen und meiner Mutter, die gehörlos ist, davon erzählt. Die sagte dann: 'Das hast du doch als Kind schon gemacht.' Wenn wir den Film Anfang der 70er-Jahre in der Weihnachtszeit geschaut haben, habe ich für meine Eltern übersetzt. Nicht so wie heute, immer nur kleine Sequenzen, immer wenn sie mich gefragt haben: Was passiert denn da? Daran habe ich mich erinnert. Und dann war klar: kann man machen."

Bisher wurden Spielfilme für Gehörlose lediglich untertitelt. Die Übersetzung in Gebärdensprache ist eine völlig neue Dimension, wie Peter Eichler erklärt:

Die Gebärdensprache ist eine eigenständige Sprache, genauso wie das Deutsche oder das Englische. Wenn ich gerade Filme wie die Märchen mit Mimik und Gestik übersetze, dann kann ich auch darstellen, welche Stimmung gerade herrscht. Ist es traurig, ist es lustig, ist derjenige böse, ist er lieb und zart. Das kann ich nur in der Gebärdensprache übersetzen. Das geht mit Untertiteln nicht.

Peter Eichler Gebärdendolmetscher

Auch eine Parabel über Schuld und Sühne 

Aus dem Kohlenmunk-Peter ist ein piekfeiner, eiskalter Fiesling geworden. Und ein Mörder. Der Film, nur fünf Jahre nach dem Krieg entstanden, sollte mehr als nur ein Märchen sein, eine Parabel über Schuld und Sühne der Deutschen. Peter will sein schlagendes Herz wieder haben. Er holt es sich durch Blitz und Donner zurück. Filmhistoriker Ralf Schenk interpretiert sie so:

Wie kann Erlösung aus einer schuldhaften Verstrickung entstehen? Wie kann jemand, der mit Mord ja letzten Ende auch sein Leben verbaut hat, wie kann der wieder erlöst werden? Der Film bietet als Lösung die tätige Arbeit an.

Kann ich denn noch einmal ein anderes Leben beginnen?
Versuch es!
Was muss ich tun, damit sie mich wieder lieben?
Leben mit denen, die zu dir gehören. Schaffe für sie!

Kohlen-Munk und Lisbeth Dialog aus dem Film "Das kalte Herz"

Ein Märchenfilm mit finalem Auftrag. So erwacht Lisbeth wieder zum Leben. Vergebung als Happy End.

DEFA-Geschichte: Mehr als Märchen

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 17. Dezember 2020 | 22:20 Uhr

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